Erinnerungen an Klaus Katzenstein - zusammengetragen von seinem alten Freund Dr. Günter Schwill

Die folgenden Zeilen sind Klaus Katzenstein gewidmet, der in meiner Jugend mein Nachbar war in Hamburg-Eidelstedt und mit dem ich sportlich durch den Wasserball ein ganzes Leben lang verbunden war. Wir sprachen die gleiche Sprache, die geprägt war von gemeinsamen Erlebnissen, Erfahrungen und Interessen, die weit über den Sport hinausgingen. Der Herbst unseres Lebens meinte es dann noch einmal besonders gut mit uns, da wir über Jahre noch einmal dicht beieinander wohnten, auf Teneriffa, wo uns die Muße geschenkt wurde, um über Vergangenes und Gegenwärtiges zu reflektieren. 

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Der Spielfilm des Lebens:

Wir schrieben das Jahr 1959. Bernhard Biddrich, der Vollblut-Wasserballtrainer von Poseidon, hatte parallel zur Betreuung der Männer in den letzten Jahren eine starke Jugendmannschaft aufgebaut. Bei der Deutschen Jugendwasserball - Endrunde im Vorjahr hatte es für Poseidon Platz drei gegeben, jetzt wurde die Deutsche Vizemeisterschaft erzielt. Das war Ende August 1959 in Hamm/Westf. Mit viel Lob und Anerkennung kamen folgende Spieler nach Hamburg zurück: Günter Scheuermann (Torwart), Jürgen Meffert, Winfried Dähn, Rolf Quast, Jürgen Lang, Klaus Katzenstein, Dietrich Mittelstädt. Trainer: Bernhard Biddrich. Nur die Wasserballhochburg Hamm behauptete sich vor Poseidon, Bayer 08 Uerdingen und der SV Cannstatt konnten von Poseidon abgehängt werden. Die Kulisse in Hamm war prächtig. Mehrere tausend Zuschauer füllten die Ränge des Jahnfreibades.

Internationales Turnier in Amsterdam

Zum Internationalen Turnier seiner Männermannschaft in Amsterdam im Oktober, nur einen Monat später, kam von Bernhard Biddrich folgende Anweisung, kurz und bündig: „Wir verjüngen!“ Das war die Stunde für Klaus Katzenstein, der gerade 17 Jahre alt geworden war, auch für Jürgen Meffert und Winfried Dähn. Das Gesicht der Männermannschaft, seit 1956 kontinuierlich Hamburger Meister, bekam nun folgendes Aussehen: Günter Schwill (Torwart), Dieter Janssen (Kapitän), Kurt Meier (Sturmtank), Heinz Abrat und Jürgen Meffert (beide Linkshänder), Winfried Dähn und Klaus Katzenstein (das Konditionswunder, der Mann der 200 m Delphin). Ältere Spieler, wie Bruno Liedtke und Jochen Brockmann beispielsweise, saßen nur noch einsatzbereit auf der Bank. Die neue Formation erwies sich als Volltreffer. Poseidon wurde Turniersieger und brachte den Harthoorn-Pokal nach Hamburg. Einem glatten 4:1-Sieg gegen Ausrichter Het Y Amsterdam folgte ein dramatisches Finale gegen Zwemlust Utrecht. Diese hatten zuvor den holländischen Meister Den Haag mit 5:4 ausgeschaltet. Das Finale endete 2:2 und musste im Penalty-Schießen entschieden werden. Alle sechs Poseidon-Feldspieler prüften nacheinander den gegnerischen Torwart. Doch der Start war miserabel. Mit einem Lattenschuss und einem Schuss übers Tor startete Poseidon. Glücklicherweise gab es danach wenigstens noch vier Treffer. Doch diese vier Tore schossen schon die ersten vier Utrechter Spieler. Beim fünften Spieler dann eine tolle Torwart-Parade, der sechste Holländer zeigte Nerven und verschoss. 4:4 endete das erste Penalty-Schießen, es mussten noch einmal alle Spieler neu antreten. Diesmal trafen alle Poseidon-Spieler, nur dem letzten wurde das Tor nicht gegeben, da er den Wurf verzögert hatte. Nun war die Chance für Poseidon zu gewinnen riesengroß, denn auf den Holländern lastete großer Druck, nachdem so junge Spieler aus Hamburg so eiskalt ins Tor getroffen hatten!  Alle Poseidonen waren jetzt dicht zusammengerückt, die Erfahrenen und die jungen Wilden und drückten ihrem Torwart die Daumen. 1. Schuss – Latte, 2. Schuss - Parade! Das Spiel war entschieden. Poseidon Hamburg wurde Turniersieger! Auf dieser erfolgreichen Reise wuchs eine starke emotionale Beziehung zu Klaus Katzenstein, zu meinem Hamburger Nachbarn. In der Hansestadt gab es für unsere neuformierte Mannschaft keinen gleichwertigen Gegner mehr. Die Meisterschaft wurde von nun an Jahr für Jahr überlegen gewonnen. Anders in der Oberliga Nord, der höchsten norddeutschen Spielklasse. Hier wollte ein Erfolg gegen Wasserfreunde 98 Hannover einfach nicht gelingen. Wir galten als ewiger norddeutscher Vizemeister, lagen stets vor den Bremer und Berliner Clubs. Inzwischen war Bundestrainer Miklos Sarkany, der ungarische Doppel-Olympiasieger von 1932 und 1936, auf „Katze“ aufmerksam geworden und setzte ihn Anfang April 1961 im Länderspiel gegen die UdSSR in Moskau ein. Aber für den jungen Poseidonen war diese internationale Feuertaufe in Moskau noch keine Stammplatzgarantie. Nur Katze sah das anders. Zum nächsten Länderspiel gegen Schweden in Hamburg hatte Klaus mit stolzgeschwellter Brust alle Freunde benachrichtigt, um ihnen seinen Auftritt im Nationalteam vorzuführen. Es kam aber zu einer  riesengroßen Enttäuschung, denn Klaus wurde nicht berücksichtigt, ausgerechnet in Hamburg. Seinen Frust ließ er daraufhin deutlich vernehmen, wodurch er selbst sein Kapitel Nationalmannschaft abschloss.

Neue Ziele, Aufgaben, Pflichten

Als junger und flotter Student der Wirtschaftswissenschaften, der er jetzt war, suchte sich Katze neue Ziele, die ihn reizten. Mit Begeisterung nahm er an der einwöchigen Reise der Hamburger Stadtmannschaft nach Dänemark teil, die zu Spielen in Odense, Helsingör und Kopenhagen führte. Zwei siegreiche Spiele gegen die dänische Nationalmannschaft zählten zu den Höhepunkten der auch sonst an Erlebnissen nicht armen Reise.

Universiade - Fehlanzeige

Katze und ich waren die beiden Universitäts-Studenten unserer Poseidon-Mannschaft, die sich große Hoffnungen machten, zur Universiade 1961 in Sofia (Bulgarien) berufen zu werden. Ein Blick durch die Spieler-Listen der führenden deutschen Mannschaften versprach uns große Chancen.  Doch welche Enttäuschung. Der Deutsche Hochschulbund (DHB) hatte keine Wasserball-Mannschaft gemeldet. Der zuständige Teamchef  Walther Tröger aus München hatte nur Spieler aus dem süddeutschen Raum zusammengezogen, die ihm wohl als zu leistungsschwach erschienen. Wir „Nordlichter“ passten gar nicht  in sein lokalpatriotisches Konzept. Ihm schien unsere Anreise viel zu weit (und zu teuer). Wenig später setzte mich ein Verkehrsunfall für längere Zeit außer Gefecht, Klaus hatte seine Uta kennen gelernt und heiratete. Der Stammhalter Jan ließ nicht lange auf sich warten. Als ich diesen kräftigen neuen Erdenbürger von Uta in Händen hielt, wurde mir schlagartig klar: Das Kind bringt viel Freude und Poseidon vielleicht einen neuen Wasserballspieler, aber Klaus wird jetzt kürzertreten müssen. Universitär kreuzten sich unsere Wege bei der Gemeinschaftsvorlesung von Prof. Dr. Karl-Friedrich von Weizsäcker über Platon und die Philosophie der alten Griechen. Von Haus aus eigentlich Atomphysiker mit Lehrstuhl in Göttingen, war von Weizsäcker gerade nach Hamburg auf den Lehrstuhl für Philosophie gewechselt. Jeweils am Donnerstagabend um 20 Uhr sprach er interessierte Studenten aller Fakultäten an. Das Auditorium maximum war stets mit über 2000 Hörern mehr als gefüllt, die Studenten saßen selbst auf den Treppenstufen. Klaus reduzierte seine Trainingseinheiten, um im Studium zeitlich keine Einbußen zu erleiden. Dennoch erinnere ich mich an verschiedene Highlights, die wir zusammen erlebten. Anfang Dezember 1962 gab es beispielsweise in Berlin einen Drei-Städtekampf zwischen Hamburg, München und Berlin. Das Wasserball-Turnier konnten wir nach 6:4-Sieg gegen München und mit dem 5:5 gegen Berlin für Hamburg entscheiden und damit viele Punkte in die Gesamtwertung einbringen. Neun der elf Auswahlspieler kamen vom SV Poseidon (Schwill, Katzenstein, Abrat, Janssen, Meffert, Hornung, K. Meier, Dähn und Henry Kiel, der vom HSC ins Poseidon-Lager gewechselt war. Vom Hamburger SC kamen zur Verstärkung der bekannte Rückenschwimmer Wedler und Diedrich.

 

Bei diesem Städtekampf in Berlin-Wilmersdorf startete Klaus zusätzlich zum Wasserball auch als Einzel- und Staffelschwimmer. Er galt als bester Hamburger Delphinschwimmer über 200 Meter. Aber den aus München kommenden Deutschen Meister Hermann Lotter (2:20,5 min) konnte er nicht halten. In der Lagenstaffel schwamm Katze auch noch die 100 m – Strecke.

Deutsche Hochschul-Meisterschaft 1964

Endlich hatten die Hamburger Studenten eine Uni-Mannschaft auf die Beine gestellt, um an der Deutschen Hochschulmeisterschaft teilzunehmen. Fernziel waren für jeden einzelnen natürlich die studentischen Weltfestspiele (Universiade) im kommenden Jahr in Budapest. Wir Hamburger bestritten sechs Spiele, konnten aber nur eine Partie gegen die TH Braunschweig (5:2) gewinnen. Das war zu wenig, um ins Endturnier zu kommen und sich dort präsentieren zu können. Die Fahrkarten nach Budapest bekamen andere.

Nordmeisterschaft und Endrunde in Hamm 1965

Dieses Jahr sollte für Poseidon Hamburg sehr erfolgreich werden. Endlich war die bisher uneinnehmbare Festung Wasserfreunde 98 Hannover sturmreif geschossen worden. Mit zwei Siegen in der doppelten Punktrunde gegen den „Angstgegner“,  7:6 in Hannover und 4:3 in Hamburg, beendete Poseidon die Rundenspiele ungeschlagen mit 27:1 Punkten und 102:45 Toren. Auf den Plätzen folgten Wfr.98 Hannover, Union Hannover (hier ging beim 5:5 der einzige Punkt verloren) und BSV Bremen. Wenn auch die Vorrundenspiele zur Deutschen Meisterschaft zu richtigen Zitterpartien wurden, so gelang nach 1958 endlich wieder die Endrunden-Teilnahme.

Sportlicher Abschied auf Raten

Mit der Deutschen Meisterschaft 1965 in Hamm, die Poseidon mit zwei Siegen gegen Duisburg 98 und SSF Barmen auf Platz vier der Abschlusstabelle sah, endete meine Spielerkarriere in der 1. Mannschaft bei Poseidon. Klaus, inzwischen zum zweiten Mal Vater geworden, konnte den Sport nur noch „aus der Hüfte schießend“ betreiben. Sein Talent aber war so mächtig, dass er auch mit wenig Training noch als wertvoller Spieler galt. So war er im Winter 1966 dabei, als die Hamburger Studenten ihre Vorrunde in Berlin überstanden und am 12. und 13. Februar das Endturnier um die Deutsche Hochschulmeisterschaft in Alversdorf bestritten. Wir waren dicht dran und verloren nur knapp 4:5 gegen die Uni Frankfurt und  2:4 gegen die Uni München. Mit einem 7:4-Erfolg nach Verlängerung gegen die TH Darmstadt wurde der fünfte Platz belegt. Für die Uni Hamburg spielten: Günter Schwill (Torwart), Gerd Bolls, Günther Kutz, Rolf von Wnuk-Lipinski, Klaus Katzenstein, Jürgen Walther, Eckhard Schwandt, Wolfgang Wesemüller. Die Universiade war für uns kein Thema mehr. Zwar wurde für 1967 diese Veranstaltung nach Tokyo vergeben, doch der uralte Zwist zwischen Japan und Korea (Annexion Koreas im Jahr 1910, Befreiung 1945, 1948 Teilung des Landes in Nord und Süd, Koreakrieg 1950 – 1953) führte zum Boykott des Ostblocks.  Der Grund: Es gab keine Einigung, wie die diktatorisch geführte Volksrepublik des Nordens genannt werden sollte. Aus Mangel an teilnehmenden Nationen gab es kein Wasserball-Turnier. Heute, 50 Jahre später, brodelt die Region stärker denn je. Klaus Katzenstein setzte nach. Er wurde im Sommer 1966 Deutscher Wasserball-Vizemeister, danach begann sein Examen, das er Ende Oktober bestand. Von nun an war er Diplom-Kaufmann. Ohne Pause stürzte er sich ins Berufsleben bei einer großen in Hamburg tätigen Ölfirma. Mein Weg führte mich nach Berlin, um dort 20 Jahre lang meine Zahnarztpraxis zu führen. Über die Schiene Wasserball blieb der Kontakt locker erhalten, er in Hamburg, ich bei Wasserfreunde Spandau 04.

Auswanderung nach Teneriffa

Das Jahr 1990 mit der staatlichen Einigung Deutschlands brachte für uns – ohne dass es ursächlich zusammenhing – einen gewagten Schnitt. Wir wanderten nach Teneriffa aus und begannen, uns dort beruflich zu orientieren. Daraus wurden noch einmal 20 Jahre zahnärztlicher Tätigkeit. Welche Freude, als wir von Katzensteins hörten, sie wollten die Wintermonate auf Teneriffa, ganz in unserer Nähe, in eigener Wohnung verbringen. Unsere gegenseitigen Besuche waren bestimmt von der jahrzehntelangen Vertrautheit, viele gemeinsame Erlebnisse konnten aus der Erinnerung abgerufen werden. Bei einem Gartenfest konnte ich Katzensteins mit unseren ungarischen Freunden aus Budapest bekannt machen, mit dem Ehepaar Dr. Steinmetz. Er, Janos, war wie ich Wasserballtorwart, darüber hinaus Nationalspieler, Olympiateilnehmer 1968 in Mexiko und Bronze-Medaillengewinner. Von ihm kannte ich die Anekdote aus der ungarischen Radio-Reportage vom Spiel Deutschland – Ungarn  während des Olympiaturniers. Das Spiel war hart umkämpft, Ungarn führte mit einem Tor 4:3. Der Schiedsrichter pfiff Strafwurf für Deutschland, die Chance zum Ausgleich. Auf deutscher Seite nahm sich Dr. Nagy, der frühere Ungar von Rote Erde Hamm, den Ball. Janos Steinmetz  parierte den Strafwurf. Der Kommentar: „Der ungarische Spieler mit dem deutschen Namen hielt soeben den Penalty, den der deutsche Spieler mit dem ungarischen Namen schoss und verhinderte so den Ausgleich.“ Das Ehepaar Steinmetz war total wasserballbegeistert. Ihre beiden Söhne, Barnabas und Adam, legten nämlich eine noch erfolgreichere Wasserballkarriere hin als ihr Vater. So wurde Barnabas zweimal Goldmedaillengewinner (Sydney 2000 und Athen 2004), der jüngere Bruder Adam errang einmal die Goldmedaille (Athen 2004). Dass sie trotz ihrer sportlichen Erfolge auch ihre berufliche Ausbildung nicht vernachlässigten und heute beide als promovierte Rechtsanwälte in Budapest arbeiten können, machte auf uns alle großen Eindruck. Die Wintermonate auf der Insel des ewigen Frühlings bekamen Klaus und Uta sehr gut. Jeder pflegte seine Hobbies, Uta beispielsweise sprach nach wenigen Monaten schon recht ordentlich spanisch und Klaus war als Blumenfreund in seinem Element. Denn an jeder Ecke blühte es in allen Farben. Die Schätze, die Klaus mit seiner Kamera eingefangen hat und die er archiviert hat, gilt es noch zu heben. Regelmäßig nahm er auch Unterricht im Zeichnen und Malen, um die schönsten Objekte wiedergeben zu können. Noch heute hängt bei uns ein Katzenstein-Gemälde. Seine größte Leidenschaft aber waren seine Photoschnappschüsse. Bei dem Wasserball-Erstligisten „Martianez“, bei dem auch die deutschen Nationalspieler Uwe Sterzik, René Reimann und Davor Erjavec engagiert waren, lernte er die gesamte spanische Spieler- und Trainer-Elite kennen, wenn die Spitzenvereine aus Barcelona und Madrid zu ihren Punktspielen einflogen. Klaus ließ kein Spiel aus, er war über viele Jahre ein beliebter und gern gesehener Gast. Seine Laufstrecke am Beckenrand, um die besten Portraits schießen zu können, gehörte zu  seinem Lebenselixier. Aber alles endet irgendwann. Was bleibt, ist die Freude an die Erinnerung.